Humorkritik
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Gut geklaut, schlecht selbergemacht

Wenn in der letzten Zeit zwei Trends die deutsche Fernsehunterhaltung bestimmt haben, dann die zum schamlosen Plagiat angloamerikanischer Formate und zu immer größerer Derbheit. Im schlimmsten Fall geht das Hand in Hand, wenn etwa RTL verzweifelt versucht, auf längst abgefahrene Comedy-Züge aufzuspringen, und Monate, wo nicht Jahre zu spät eine neue Sendung namens "Mundstuhl" in das Segment preßt, das von Kaya Yanar viel qualifizierter und von Erkan & Stefan viel komischer ausgefüllt ist. Den pidgin-deutschen Texten des Duos Lars Niedereichholz und Ande Werner hört man leider deutlich an, in wie kurzer Zeit sie von den beiden Hauptdarstellern selbst zusammengeschrieben werden mußten. Warum nur, fragt man sich, wo doch etwa Yanar bereits im Dezember "Was guckst Du?!" eingestellt hat mit der Begründung, daß "sich das Konzept zuletzt oft wiederholte und nichts wirklich Neues gebracht" habe. Dazu kommt, neben den seichten Witzen, die Mundstuhl häufig mit Geschmacklosigkeiten zu retten versuchen, daß man ihnen ihre Rollen als Ausländer-Proleten durchweg nicht abnimmt. Da stimmt einfach nichts, weder die Bomberjacken noch die Ziegenbärtchen, das sind immer Niedereichholz und Werner selbst, die durch ihre mageren Figuren durchscheinen.
Das ist bei Erkan und Stefan alias Erkan Maria Moosleitner und Stefan Lust anders, die auch außerhalb ihres Formats "headnut.tv" (Pro7), etwa in Talkshows, immer in ihren Rollen bleiben und darin mittlerweile zu Hochform auflaufen. Die beiden kopieren zwar ungeniert ihr britisches Vorbild Ali G. und seine Technik, ahnungslose Interviewpartner mit unqualifizierten Fragen zu überfordern, wenn sie etwa die Grande Dame der Meinungsforschung Elisabeth Noelle-Neumann unschuldig fragen, wie viele Meinungen es denn gebe, so ungefähr. Wie so oft gilt allerdings auch hier: besser gut geklaut als schlecht selbst ausgedacht.
Begrenzt gilt das auch für "Real Comedy" (RTL). Daß Christian Ulmen kein ganz schlechter ist, hat er mit seiner MTV-Sendung "Unter Ulmen" schon belegt; sein Kompagnon Tommy Wosch ist allerdings bisher eher unangenehm aufgefallen ("Star Wosch", "Morning Show"), woran sich durch "Real Comedy" nichts ändern wird. "Trigger Happy TV" heißt die durchaus würdige BBC-Vorlage, die die beiden von den Drehbuchideen bis zu Kameraeinstellungen und Musikuntermalung eins zu eins übernommen haben. Zum Teil (Ulmen) ganz lustig (Ulmen, als Briefträger verkleidet, reißt im Stadtpark Briefe auf und liest sie Rentnern zur Belustigung vor), zum Teil unsäglich (Wosch nervt auf absehbarste Weise Wartende beim Zahnarzt). Dieses Format hat Ulmen in einzelnen Beiträgen bei MTV schon getestet, und es geht die Fama, er habe geglaubt, das merke schon keiner. Pech gehabt.
Abgekupfert zum dritten: Was sie in ihrer Erziehung falsch gemacht habe, frug jüngst die Bild-Zeitung Uschi Glas, daß ihr Sohn Benjamin Tewaag sich zu so kruden Späßen hinreißen lasse, wie sie die "Freak Show" auf wiederum MTV vorführt. Dabei sind es nur zahme Abiturienten-Scherze, die bei der deutschen Version von MTVs "Jackass" herausgekommen sind. "Jackass" allerdings ist mit Abstand die lustigste und originärste Sendung dieser kleinen Rundschau: Zwar ebenfalls mit versteckter Kamera gefilmt (wie "Trigger Happy" resp. "Real Comedy"), aber eben nicht britisch-hintergründig, sondern amerikanisch-offensiv bis zur physischen Schmerzgrenze, wenn sich Johnny Knoxville von einer Zwölfjährigen in die Eier treten oder mit einem Dixie-Klo auf den Kopf stellen läßt oder einfach immer wieder mit einem Tretroller den Abhang hinunterfährt, bis es ihn ordentlich zerlegt. Am meisten lachen mußte ich bei einer Szene mit einem Leichenwagen, der so am Berg parkt, daß prompt beim Öffnen der rückwärtigen Tür der Sarg aus dem Auto heraus poltert und die "Leiche" zum Entsetzen der Passanten aus ihrem Behälter…
"Don't try this at home!" warnt MTV ganz zu recht vor jeder Show, aber das hält natürlich die vollverblödeten Kids nicht ab; heute erst mußte ich lesen, es habe sich eins ordentlich mit Spiritus übergossen und angezündet, weil das bei "Jackass" auch jemand getan hätte. Vielleicht ist das aber nur die halbe Wahrheit, möglicherweise hat das Bankert ja auch nur einmal zu oft Tommy Wosch und Mundstuhl sehen müssen.



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